Markus Voigt

Tanganjika

Eigentlich war der Krieg schon fast zu Ende – aber das konnten wir damals nicht wissen. Nachrichten erreichten uns schon lange nicht mehr. Die Telegraphenleitungen waren längst zerstört und wir waren nur noch ein kleiner Haufen Männer, die versprengt und aufgerieben irgendeine Stellung hielten. Warum oder wozu – na ja, wahrscheinlich immer noch fürs Vaterland. Falls es das noch gab.
Die ersten Jahre hier im Dschungel waren Jahre des Triumphs, Jahre der Siege und des nationalen Stolzes – verheißungsvoll und prächtig. Deutsche Jahre eben.
Und jetzt? Alles irgendwie fremd und verwirrend.
Marode und zitternd lagen wir in unseren zähen, feuchten Lumpen. Malaria, Amöbenruhr und Syphilis schüttelten den Körper und zerrten an unseren wunden Eingeweiden.
Die knappe Dämmerung wich wieder einmal einer brüllenden, trunkenen Nacht. Wir starrten hinaus auf den Tanganjika-See hinein in Milliarden von Stechmücken. Im Innersten gekränkt und voller Scham und Trotz.
Bald würden sie da sein: Die Briten oder die Belgier und ihre hemmungslos rasenden Neger-Truppen. Selbstverständlich würden sie Rache an uns nehmen – wer konnte ihnen das schon verdenken?
Kamerad Körber saß schwer atmend auf einem Stück Treibholz und versuchte, die Sandläuse aus seiner Hosennaht zu kratzen.

„Mann,  Peter, was ist denn?“ sagte er,  „Dein Gegrübel ist ja lauter als das Schreien dieser beschissenen Insekten.“
„Ich denk’ an Kiel.“
„Ach Quatsch. Andere Zeit, andere Welt – kannst du vergessen.“
„An viel kann ich mich auch gar nicht mehr erinnern… Hauptsächlich an grünes Wasser und scharfen Wind.  Wart’s ab, bald sind wir daheim und dann wird alles so wie früher.“
„Was bist Du? Jesus Christus, dass Du Tote auferstehen lassen willst? Die meisten von uns sind hier krepiert und am Ende noch nicht mal mehr begraben. – Wie früher ist vorbei, so wie Du deinen Daumen auch nicht zurückkriegen wirst.“
„Ja, der ist weg… aber sein Verlust macht mich zu etwas Besonderem.“
„Scheinst dich ja glatt drüber zu freuen.“
„Nein, nein, es war ein guter Finger und ich hätte ihn lieber noch. …abgehackt im Gefecht und von Wilden und über offenem Feuer gegrillt… Aber ich frage mich: Was ist das Gute an dieser Amputation? – Und es gibt etwas.“
„Sag’ mir was.“
„Na ja, angenommen wir überleben das hier nicht und die Briten oder die Belgier bringen uns um, hier in der dampfenden Wildnis – die würden uns durchlöchern und liegenlassen und monatelang würde uns keiner von unseren Leuten finden und wir wären längst verwest, nur noch ein Haufen faules Fleisch“
„Ja, so wird’s wahrscheinlich kommen, fürchte ich“
„Ich wäre ein geheimnisvoller Klumpen Moder und man würde sich fragen: Wer in Gottes Namen war das? Und dann würde mich einer vielleicht genau betrachten und sagen: Das muss Peter Kömann aus Kiel gewesen sein, dem die Akari den Handballen abgeschnitten haben, um ihn zu fressen! Und dann könnte man meiner Mutter sagen, dass ich in Afrika gefallen bin und sie müsste sich nicht mit der Ungewissheit herumquälen.“
„ …und das soll das Gute daran sein?“
„Mmh ja, das ist das Gute daran.“
„… lass uns lieber schlafen gehen. Oft kommen wir nicht mehr dazu.“

Na ja, und so war’s dann auch: Noch in dieser Nacht hatten die Belgier ihre wütenden Eingeborenen vorausgeschickt und noch bevor wir uns aus unseren klebrigen Feldbetten aufraffen konnten, wurden wir unter exotischem Gejohle im Blutrausch massakriert. Ob man uns jemals gefunden hat, weiß ich nicht.