Markus Voigt

Der Blick

Die schmale Gasse war kalt und staubig vom langen Tag. Zu beiden Seiten erhoben sich lehmige Hausmauern, die durch die vielen Kämpfe halb zerfallen waren.
Afghanische Dörfer sind oft eng gebaut und schwer einsehbar, Ich hatte den Befehl diesen Engpass zu sichern, denn in ein paar Minuten würde hier eine Kolonne mit schwerem Gerät hindurchjagen. Die Lage in diesem Teil der Berge war sehr angespannt, deshalb sollte die Truppenverschiebung so schnell wie möglich abgeschlossen werden.
In der Ferne donnerte Artillerie. Ich hatte mich umgedreht, um meine Zigarette nicht gegen den scharfen Nordwind anzünden zu müssen. Das ist mit diesen miesen Armeestreichhölzern nicht ganz einfach.
Und dann hockte er da: Ein alter weißbärtiger Mann mit Turban, mitten in der engen Gasse – keine Ahnung wo der so plötzlich herkam.
Er hatte sich gegen eine graue Wand gelehnt und starrte auf den sandigen Boden. In seiner Hand hatte er einen Strick, an dessen anderes Ende eine wahrscheinlich genauso steinalte Ziege gebunden war.

In einiger Entfernung hörte ich die Kolonne heranrasen.
„Hau ab, Mann! Hau ab!“ Er rührte sich nicht. „Weg, weg – schwere Lastwagen!“ Nichts, er sah nicht einmal auf. Ich brüllte wie irre und fuchtelte wild mit meinem Sturmgewehr.
Verdammt, war der taub? In ein paar Augenblicken würde es zu einer furchtbaren Karambolage kommen.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Am liebsten hätte ich ihn abgeknallt – aber dann hätte er ja immer noch im Weg gelegen. Also schoss ich ein paar Mal in die Luft und, als er sich noch immer nicht bewegte, auf die staubige Straße vor seine nackten, verbrauchten Füße.
Ein Staccato von Staubfontänen.
Mein Gott, ich war gerade mal 19 und hatte mir diesen Mist bestimmt nicht ausgesucht – was wusste ich denn schon von diesen verrückten Paschtunen! Vielleicht hatte der Irre Handgranaten unter seinem Hemd, oder was weiß ich.
Der Alte mit seiner klapperigen Ziege blieb einfach sitzen.
Ich rannte die vielleicht 15 oder 20 Meter in die Gasse, um ihn rauszuholen, da blickte er auf.

Müde und seltsam entschlossen; gleichzeitig uninteressiert und irritiert, als ob ich eine fremde, komplizierte Formel wäre, die er widerwillig lösen sollte.
Als ich versuchte ihn zu packen, griff er fest meinen Arm, als wollte er sagen: „Ich bin lange gelaufen. Ich bin müde. Ich will jetzt hier sitzen. Das ist meine letzte Ziege. Ich kenne hier niemanden. Zerr’ nicht an mir.“

In diesem Augenblick schoss die Kolonne um die Kurve. Ich riss mich von ihm los und stürzte fort.
Das letzte was ich sah, bevor der erste der Lastwagen ihn und seine Ziege in rohe Fetzen riss, war, dass der Alte nicht mal Erstaunen oder Überraschung zeigte. Eher eine leichte Enttäuschung, wie ich sie von meinem Vater kannte, der oft unzufrieden mit meinen Leistungen bei der Roten Armee war.