Markus Voigt

Für das Theaterstück “Kampfeinsatz” schrieb ich drei Prosatexte über seltsame, krude Situationen, in die Menschen im Krieg geraten können. Diese “Miniaturen” sollen einen historischen Bogen schlagen, wohingegen “Kampfeinsatz” selbst in heutiger Zeit spielt.
Die erste der Kurzgeschichten (“Kampfesbruder”) findet im 30-jährigen Krieg statt (hier auch als etwas gekürztes Audiobeispiel mit Sounds wie im Theaterstück, gesprochen von Michael Bideller) , die zweite (“Der Blick”)  im Afghanistan der 80er Jahre und die letzte schließlich in Tansania um 1915/16 (“Tanganjika”).

Kampfesbruder

Mein früher hitziges Feuer, das einst für Wahrheit, Recht und Heimat in mir loderte, war längst einer abgeklärten Verwirrung gewichen. Das Handwerk hieß Kampf und ich gehörte nun dorthin, wo zu saufen, zu fressen, zu rauben und zu marodieren war. Wofür und warum war in dieser wüsten und verschlungenen Welt schon längst nicht mehr festzustellen.
Das folgende Ereignis, von dem ich nun berichten möchte, fand statt, nachdem ich schon mehrmals konvertiert war. Dies ist insofern von Belang, als dass eben jenes Hin und Her vor Gott mir schließlich zum Verhängnis wurde.
Der Krieg ging für mich ins vierzehnte Jahr und ich kämpfte zu der Zeit für die Sächsisch-kaiserlichen, als wir Oberst Torstensson bei Breitenfeld in die Enge trieben. Wir überzogen sein Heer mit einer forcierten Kanonade, um durch diese Deckung unsere Truppen zum Angriff zu sammeln. Doch die Schweden waren munter und wendig genug, erkannten unsere Schwäche und griffen nun ihrerseits an.
Im Nu befand ich mich inmitten eines Hexenkessels aus dickem Pulverdampf, Staub und Blut. Die klappernden Harnische, das Singen der Kugeln über unseren Köpfen, die krachenden Piken und das Geschrei der Rasenden und der Sterbenden fügte sich mit den Trompeten, Trommeln und Pfeifen zu einer gräulichen Musik.
Die Erde, die doch die Toten bedecken soll, wurde nun mit ihnen überstreut – überall Köpfe, Leiber und Hände, die zuckten, als wollten sie zurück ins Gedränge.
Plötzlich und in diesem tobenden Höllentanz völlig unerwartet stand er mit gezücktem Dolch vor mir: Mein alter Kampfesbruder Christoph, mit dem ich vor vielen Jahren als Landsknecht an der Dessauer Elbbrücke für die Dänen in die Schlacht gezogen war. Am liebsten hätte ich ihn wohl umarmen wollen. So war ich kopflos und wie gelähmt, standen wir uns doch, vor Todesangst schwitzend, mit erhobenen Waffen und weit aufgerissenen roten Augen gegenüber.
„Du alter Hund – das wird ein kurzes Wiedersehen, wenn dir deine Seele nicht im Leib festgewachsen ist!“ Als er auf mich zustürzte, rammte ich ihm meine Lanze in die Brust, dass die Rippen barsten. Denn so sind die Regeln in dieser unübersichtlichen Welt: Dem Tod entgehst du nur, indem du mit gottloser Courage den Nächsten niedermachst.

Der Blick

Die schmale Gasse war kalt und staubig vom langen Tag. Zu beiden Seiten erhoben sich lehmige Hausmauern, die durch die vielen Kämpfe halb zerfallen waren.
Afghanische Dörfer sind oft eng gebaut und schwer einsehbar, Ich hatte den Befehl diesen Engpass zu sichern, denn in ein paar Minuten würde hier eine Kolonne mit schwerem Gerät hindurchjagen. Die Lage in diesem Teil der Berge war sehr angespannt, deshalb sollte die Truppenverschiebung so schnell wie möglich abgeschlossen werden.
In der Ferne donnerte Artillerie. Ich hatte mich umgedreht, um meine Zigarette nicht gegen den scharfen Nordwind anzünden zu müssen. Das ist mit diesen miesen Armeestreichhölzern nicht ganz einfach.
Und dann hockte er da: Ein alter weißbärtiger Mann mit Turban, mitten in der engen Gasse – keine Ahnung wo der so plötzlich herkam.
Er hatte sich gegen eine graue Wand gelehnt und starrte auf den sandigen Boden. In seiner Hand hatte er einen Strick, an dessen anderes Ende eine wahrscheinlich genauso steinalte Ziege gebunden war.

In einiger Entfernung hörte ich die Kolonne heranrasen.
„Hau ab, Mann! Hau ab!“ Er rührte sich nicht. „Weg, weg – schwere Lastwagen!“ Nichts, er sah nicht einmal auf. Ich brüllte wie irre und fuchtelte wild mit meinem Sturmgewehr.
Verdammt, war der taub? In ein paar Augenblicken würde es zu einer furchtbaren Karambolage kommen.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Am liebsten hätte ich ihn abgeknallt – aber dann hätte er ja immer noch im Weg gelegen. Also schoss ich ein paar Mal in die Luft und, als er sich noch immer nicht bewegte, auf die staubige Straße vor seine nackten, verbrauchten Füße.
Ein Staccato von Staubfontänen.
Mein Gott, ich war gerade mal 19 und hatte mir diesen Mist bestimmt nicht ausgesucht – was wusste ich denn schon von diesen verrückten Paschtunen! Vielleicht hatte der Irre Handgranaten unter seinem Hemd, oder was weiß ich.
Der Alte mit seiner klapperigen Ziege blieb einfach sitzen.
Ich rannte die vielleicht 15 oder 20 Meter in die Gasse, um ihn rauszuholen, da blickte er auf.

Müde und seltsam entschlossen; gleichzeitig uninteressiert und irritiert, als ob ich eine fremde, komplizierte Formel wäre, die er widerwillig lösen sollte.
Als ich versuchte ihn zu packen, griff er fest meinen Arm, als wollte er sagen: „Ich bin lange gelaufen. Ich bin müde. Ich will jetzt hier sitzen. Das ist meine letzte Ziege. Ich kenne hier niemanden. Zerr’ nicht an mir.“

In diesem Augenblick schoss die Kolonne um die Kurve. Ich riss mich von ihm los und stürzte fort.
Das letzte was ich sah, bevor der erste der Lastwagen ihn und seine Ziege in rohe Fetzen riss, war, dass der Alte nicht mal Erstaunen oder Überraschung zeigte. Eher eine leichte Enttäuschung, wie ich sie von meinem Vater kannte, der oft unzufrieden mit meinen Leistungen bei der Roten Armee war.

Tanganjika

Eigentlich war der Krieg schon fast zu Ende – aber das konnten wir damals nicht wissen. Nachrichten erreichten uns schon lange nicht mehr. Die Telegraphenleitungen waren längst zerstört und wir waren nur noch ein kleiner Haufen Männer, die versprengt und aufgerieben irgendeine Stellung hielten. Warum oder wozu – na ja, wahrscheinlich immer noch fürs Vaterland. Falls es das noch gab.
Die ersten Jahre hier im Dschungel waren Jahre des Triumphs, Jahre der Siege und des nationalen Stolzes – verheißungsvoll und prächtig. Deutsche Jahre eben.
Und jetzt? Alles irgendwie fremd und verwirrend.
Marode und zitternd lagen wir in unseren zähen, feuchten Lumpen. Malaria, Amöbenruhr und Syphilis schüttelten den Körper und zerrten an unseren wunden Eingeweiden.
Die knappe Dämmerung wich wieder einmal einer brüllenden, trunkenen Nacht. Wir starrten hinaus auf den Tanganjika-See hinein in Milliarden von Stechmücken. Im Innersten gekränkt und voller Scham und Trotz.
Bald würden sie da sein: Die Briten oder die Belgier und ihre hemmungslos rasenden Neger-Truppen. Selbstverständlich würden sie Rache an uns nehmen – wer konnte ihnen das schon verdenken?
Kamerad Körber saß schwer atmend auf einem Stück Treibholz und versuchte, die Sandläuse aus seiner Hosennaht zu kratzen.

„Mann,  Peter, was ist denn?“ sagte er,  „Dein Gegrübel ist ja lauter als das Schreien dieser beschissenen Insekten.“
„Ich denk’ an Kiel.“
„Ach Quatsch. Andere Zeit, andere Welt – kannst du vergessen.“
„An viel kann ich mich auch gar nicht mehr erinnern… Hauptsächlich an grünes Wasser und scharfen Wind.  Wart’s ab, bald sind wir daheim und dann wird alles so wie früher.“
„Was bist Du? Jesus Christus, dass Du Tote auferstehen lassen willst? Die meisten von uns sind hier krepiert und am Ende noch nicht mal mehr begraben. – Wie früher ist vorbei, so wie Du deinen Daumen auch nicht zurückkriegen wirst.“
„Ja, der ist weg… aber sein Verlust macht mich zu etwas Besonderem.“
„Scheinst dich ja glatt drüber zu freuen.“
„Nein, nein, es war ein guter Finger und ich hätte ihn lieber noch. …abgehackt im Gefecht und von Wilden und über offenem Feuer gegrillt… Aber ich frage mich: Was ist das Gute an dieser Amputation? – Und es gibt etwas.“
„Sag’ mir was.“
„Na ja, angenommen wir überleben das hier nicht und die Briten oder die Belgier bringen uns um, hier in der dampfenden Wildnis – die würden uns durchlöchern und liegenlassen und monatelang würde uns keiner von unseren Leuten finden und wir wären längst verwest, nur noch ein Haufen faules Fleisch“
„Ja, so wird’s wahrscheinlich kommen, fürchte ich“
„Ich wäre ein geheimnisvoller Klumpen Moder und man würde sich fragen: Wer in Gottes Namen war das? Und dann würde mich einer vielleicht genau betrachten und sagen: Das muss Peter Kömann aus Kiel gewesen sein, dem die Akari den Handballen abgeschnitten haben, um ihn zu fressen! Und dann könnte man meiner Mutter sagen, dass ich in Afrika gefallen bin und sie müsste sich nicht mit der Ungewissheit herumquälen.“
„ …und das soll das Gute daran sein?“
„Mmh ja, das ist das Gute daran.“
„… lass uns lieber schlafen gehen. Oft kommen wir nicht mehr dazu.“

Na ja, und so war’s dann auch: Noch in dieser Nacht hatten die Belgier ihre wütenden Eingeborenen vorausgeschickt und noch bevor wir uns aus unseren klebrigen Feldbetten aufraffen konnten, wurden wir unter exotischem Gejohle im Blutrausch massakriert. Ob man uns jemals gefunden hat, weiß ich nicht.